Hagedorn, Barbara: Geschäftsführerin, Hagedorn Unternehmensgruppe, Gütersloh

Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist.«

Barbara Hagedorn ist Geschäftsführerin der Hagedorn Unternehmensgruppe. Die 52-jährige Groß- und Außenhandelskauffrau und Mutter von 2 Kindern gründete bereits im Alter von 23 Jahren ihr eigenes Unternehmen in der Reifenbranche. 1999 stieg sie in das Unternehmen ihres Ehemannes ein. Die Hagedorn Unternehmensgruppe ist als Fullservice-Dienstleister in den Bereichen Abbruch, Altlastensanierung, Entsorgung, Revitalisierung und Tiefbau deutschlandweit tätig. Dazu gehören unter anderem der Rückbau von Gebäuden und Windkraftanlagen, die Sanierung belasteter Grundstücke sowie Sprengarbeiten zur Beseitigung von Bauwerken. Im unternehmenseigenen Gütersloher Wertstoffzentrum werden Abfälle, Wert- und Recyclingbaustoffe verwertet und wiederaufbereitet.

Das Unternehmen wurde vielfach für sein soziales und umweltbezogenes Engagement ausgezeichnet.  2014 rief Barbara Hagedorn die Initiative „MIThelfen“ ins Leben, bei der sich Hagedorn-Mitarbeiter gemeinsam sozial engagieren. In diesem Zusammenhang werden jährlich soziale Projekte in Eigenregie von den Mitarbeitenden initiiert und durchgeführt. Das Unternehmen stellt seine Mitarbeitenden dafür frei, stellt Maschinen zur Verfügung und übernimmt für die Durchführung des Projektes anfallende Kosten.

In 2019 erhielt das Unternehmen u. a. die Auszeichnungen: „Innovator des Jahres“ beim Innovationswettbewerb TOP 100,  den 1. Platz beim Wettbewerb „Familie Gewinnt“,  sowie den HR Excellence Award in den Kategorien „KMU Well Being“ und Innovations Champion der Wirtschaftswoche.
In 2020 wurde das Unternehmen außerdem ausgezeichnet mit dem Top Job Siegel „Bester Arbeitgeber“ sowie dem CSR Preis OWL.

Barbara Hagedorn im Gespräch mit Vera Wiehe über die Situation für Frauen am Bau

Sie wollen in diesem Sommer drei weibliche Auszubildende im gewerblichen Bereich einstellen. Haben sie Ihre Frauen gefunden?

Ja, wir haben unser Ziel sogar übertroffen. Drei Auszubildende beginnen zum 1. August ihre Ausbildung zur Baugeräteführerin und eine weitere als Tiefbaufacharbeiterin.  Darauf sind wir sehr stolz. Dann haben wir gerade eine Berufskraftfahrerin und eine Kalkulatorin im Abbruch eingestellt. Also es tut sich etwas.

Was war Ihr beruflicher Werdegang?

Ich stamme aus einem Unternehmerhaushalt, habe eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau absolviert und mich dann sehr früh im Alter von 23 Jahren in der Reifenbranche selbstständig gemacht. Ich wusste von daher schon immer, dass man als Frau besondere Kompetenz zeigen muss. Das bedeutet zum Beispiel, als Frau musst du den Reifen auseinandernehmen können, als Mann genügte es zu sagen, der ist rund und schwarz. Wenn du beweisen konntest, dass du wirklich verstehst, wovon du sprichst, dann war auch die Akzeptanz da und es gab kein Problem mehr.

Mein Mann war bereits selbstständig als wir uns 1998 kennenlernten. Ich habe dann schweren Herzens mein Unternehmen an meinen Bruder übergeben und gemeinsam mit meinem Mann sein Abbruchunternehmen weitergeführt.

Was hat sie dazu gebracht, sich in dieser Männerdomäne selbstständig zu machen?

Ich war sowohl im beruflichen als auch im privaten Bereich immer sehr zielstrebig. In der Jugend war ich im Springreiten viele Jahre im Leistungssport unterwegs und mache es auch heute noch mit viel Leidenschaft als Hobby. Ich wollte etwas erreichen, oft auch mal nach dem Motto „Augen zu und durch“. Diese Zielstrebigkeit hat sich durch mein Leben gezogen.  Mein Mann und ich haben dann gemeinsam die Mentalität entwickelt: festbeißen und dranbleiben. Das hat uns in all den Jahren stets weitergeholfen.

Wie ist Ihnen beiden gelungen, das Unternehmen in dieser Zeit so groß zu machen?

Man muss fairerweise sagen, dass wir einen 24/7 Job machen, es fällt uns nichts auf den Schoß. Das war schon in den ersten 15 Jahren sehr, sehr viel. Man muss Lust dazu haben, das alles voranzutreiben, die Mitarbeitenden mitzuziehen und immer wieder zu schauen: Wo ist ein Weg, wo ist eine Lösung, was können wir anpacken oder vielleicht noch besser machen. Wir hatten immer mehr Ideen, als wir umsetzen konnten – das war und ist unser Vorteil.

Auf die Frage nach Tipps für Frauen, die aufsteigen wollen, antworten fast alle Interviewpartnerinnen: „Augen auf bei der Partnerwahl“. Offensichtlich haben Sie bei der Partnerwahl gut aufgepasst.

Also für mich ist das Leben mit meinem Mann wie ein Sechser im Lotto. Wir arbeiten und leben absolut auf Augenhöhe zusammen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Wie ist denn ihre persönliche Erfahrung mit ihrer Akzeptanz als Frau in der Baubranche? Haben sie Vorurteile und Sexismus erlebt?

Ich persönlich habe nur positive Erfahrungen gemacht. Ich hatte schon immer ein gesundes Selbstbewusstsein. Natürlich gab es da mal den einen oder anderen Spruch. Wenn ich als junge Frau von 23 Jahren zu einem Spediteur komme und ihm Reifen verkaufen will, natürlich macht der einen Spruch. Damit muss man umgehen und kontern können.
Wir sollten da in die Zukunft schauen und nicht immer nur in den alten Klischees verharren. Darum geht es auch in unserer Kampagne „Frau am Bau“: Wir wollen und müssen aufhören, in Klischees zu denken, sondern Hand in Hand zusammenarbeiten. Dass es auf Baustellen Toiletten für Frauen gibt, ist zum Beispiel eine Grundvoraussetzung. Da sind wir als Unternehmen gefordert, das muss ich nicht mehr diskutieren. 
Das Thema Sexismus muss man ausgewogen sehen und nicht alles Minimale auf die Goldwaage legen – und das gilt für beide Seiten. Wenn jemand auf der Baustelle übertreibt oder unter die Gürtellinie zielt, schreiten wir direkt ein.

Da ist das Thema Sexismus genauso wichtig wie das Thema Ausländerfeindlichkeit: auf den Baustellen ist eine faire Atmosphäre wichtig. Aber wir spüren bereits, dass sich mit der Zeit etwas zum Positiven verändert. Junge Menschen haben andere Wert und arbeiten selbstverständlich im Team zusammen – unabhängig davon, wer welches Geschlecht hat. Wir müssen daher positiv herangehen und neuem Verhalten Chancen einräumen. 

Sie haben die „Frau am Bau“- Kampagne initiiert und eine Umfrage durchgeführt. Was war ihre Motivation?

Es gibt viele Gründe: der wichtigste Grund ist der Fachkräftemangel. Es werden in den nächsten Jahren viele Mitarbeitende in Rente gehen und wir haben keinen Nachwuchs auf der Baustelle. Wir müssen die Arbeit attraktiv machen und den Nachwuchs gezielt ansprechen, natürlich auch die Frauen.
Es wird für uns ein Riesenproblem, wenn niemand mehr die Bagger fahren will. Das gilt für die gesamte Baubranche, alle haben dasselbe Problem.  Wir müssen uns als Unternehmen deshalb miteinander vernetzen. Das können wir nur gemeinsam schaffen.

Diese Kampagne ist ein kleiner Mosaikstein, aber ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Wir versuchen aufzurütteln und aufzuwecken. Unsere Umfrage hat gezeigt, dass viele Frauen Interesse an der Baubranche haben. Sie brauchen einfach mehr Vorbilder. Sie brauchen die Gewissheit, dass sie gewünscht sind und unterstützt werden. Wenn wir Frauen aus der Branche uns nicht zeigen, wie sollen dann die Möglichkeiten für Frauen deutlich werden? Ohne unsere Initiative meldet sich aus der Branche so gut wie nie jemand zu Wort. Wir müssen ganz bewusst Gesicht zeigen und Vorbilder sein.

Was muss in den Bauunternehmen geändert werden, damit mehr Frauen in den Bereich gehen?

Ein Problem ist, dass die Kompetenz von Frauen nicht immer gesehen wird und ihnen nicht genug zugetraut wird. Es nutzt nicht viel, nach den Ursachen für das Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen zu forschen. Wir müssen ganze Unternehmen sensibilisieren und auf die Frauen aufmerksam machen. Es ist wichtig, dass wir etwas verändern, die Frauen dabei unterstützen, den Schritt in die Branche zu gehen.
Dass man manchen Frauen ein bisschen Schützenhilfe gibt, finde ich persönlich wichtig. Das gilt auch gerade im Bereich der Auszubildenden. Ich habe einer Bewerberin angeboten, ein gemeinsames Gespräch mit ihren Eltern zu führen, damit diese erfahren, welche Werte im Betrieb gelebt werden, dass ihre Tochter bei uns gut aufgehoben ist und es Ansprechpartner bei möglichen Problemen gibt.
Die Personalverantwortlichen müssen sensibilisiert werden, dass alle Bewerberinnen eingeladen und gefiltert werden. Wir müssen eine eigene Community basteln, mit dem Ziel, dass keine Frau verloren geht. Das sind so viele kleine Rädchen, an denen gedreht werden muss. Wir als Unternehmen sind da gefragt.

Wie definieren Sie für sich Erfolg, wann sind Sie erfolgreich?

Erfolg definiere ich nicht über Geld. Erfolg ist für mich gemeinsam ein gutes Ziel zu erreichen.  Das gesamte Unternehmen mit den vielen Mitarbeitenden und ihren Familien ist für uns eine Riesenverantwortung. Wenn es uns immer wieder gelingt, das Unternehmen erfolgreich in das nächste Jahr zu führen, dann sind wir stolz darauf.

Was können junge Frauen von Ihnen persönlich im Umgang mit Schwierigkeiten und Hindernissen lernen?

Es hört sich immer so leicht an, wenn man sagt: „Bloß nicht aufgeben.“ Das muss man erst lernen, aber es ist wichtig. Gerade Frauen haben oft das Bedürfnis, gefallen zu wollen. Wenn sie eine Position beziehen, wollen sich nicht als aufmüpfig oder zickig gelten, aber sie sollten sich nicht unterkriegen lassen und sachlich und fachlich zu ihrer Meinung stehen. Das ist zwar nicht immer einfach und man benötigt ein gewisses Durchsetzungsvermögen – aber es ist machbar.

Wer ein Ziel erreichen will, muss es wirklich wollen und dennoch ein gewisses Fingerspitzengefühl behalten – egal ob Mann oder Frau. Man muss verstehen, wie manche Männer ticken und sie richtig ansprechen und durchaus mal um Unterstützung bitten. Wenn es angebracht ist, Kritik anzubringen und Grenzen aufzuzeigen, darf man nicht zögern. Wenn dann alle aufeinander eingespielt sind und die Zusammenarbeit funktioniert, kann jeder von der Art des anderen profitieren. Und dabei geht es nicht um besser oder schlechter. Jeder hat seine Stärken und Schwächen.

Was können Frauen besser als Männer?

Das lässt sich nicht eindeutig beantworten. Frauen mögen diplomatischer sein im Umgang, wenn es zum Beispiel um Verkaufsgespräche geht. Oder sie sind einfühlsamer und fragen direkter nach Problemen. Einige Männer reden eher um das Thema herum, anstatt das konkrete Problem zu benennen.  Aber das lässt sich grundsätzlich nicht immer verallgemeinern. Wichtig ist, dass beide Geschlechter ihre Stärken vereinen.

Welche Tipps haben Sie für junge Frauen, die Karriere machen wollen?

Ich glaube, dass einige Männer Schwierigkeiten mit Frauen haben, die richtig erfolgreich sein wollen. Mit Diplomatie und Fingerspitzengefühl gelingt aber die Zusammenarbeit dennoch. Man darf allerdings nicht nur Recht haben wollen, sondern muss sich gegebenenfalls ein bisschen zurücknehmen können.  

Es gehört eine bestimme Portion Selbstbewusstsein dazu, zugleich sollte man sich selbst aber nicht zu ernst nehmen und Fragen stellen können.  Es ist wichtig, authentisch zu sein und kein Problem damit zu haben, über sich selbst zu lachen.

Wir wird Ihre Kampagne weitergehen?

Wir haben mit unserem weiblichen Zuwachs den ersten Schritt getan, aber ein Ende der Kampagne sehe ich noch in weiter Ferne. Allen Frauen, die Lust auf Bau haben, aber noch zögern, den Schritt zu gehen, müssen wir zeigen, dass sie nicht allein sind und sich trauen sollen. Um das zu erreichen ist, die ganze Branche gefragt. Ich habe viel Resonanz auf unsere Kampagne erhalten und werde von vielen Unternehmen um Rat gefragt. Das Entscheidende ist, dass die Unternehmen wirklich Veränderungen wollen und zwar auf allen Hierarchiebereichen. Aber es wird sich zum Positiven wandeln, weil die jungen Menschen offener sind. Da bin ich optimistisch.

Nur können wir nicht auf die Politik warten, sondern sind als Unternehmen auf uns selbst gestellt und sollten aus eigenem Antrieb handeln. Man kann sich aber externe Unterstützung holen und auf das Netzwerk zurückgreifen.

Mehr über die Hagedorn Unternehmensgruppe: https://www.unternehmensgruppe-hagedorn.de/frau-am-bau/

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