Christiane Heuwinkel, Kunstforum Hermann Stenner

„Widersprüche müssen wir aushalten können, die Welt ist komplizierter als wir denken!“

Alle Bielefelder*innen, die sich für Kunst und Film interessieren, kennen die Frau, die über 20 Jahre lang den Bereich Bildung und Kommunikation der Kunsthalle Bielefeld verantwortete und nach einem fünf-jährigen Intermezzo als Leiterin der Kommunikation beim Kunstmuseum in Wolfsburg nun als künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin des Kunstforums Hermann Stenner nach Bielefeld zurückgekehrt ist. Unprätentiös beschreibt Christiane Heuwinkel ihre Erfolgsstrategie: „Ich bin nicht besonders zielstrebig, habe kein Motto für mein Leben und hatte keine Karriereplanung. Ich habe immer gemacht, was mir inhaltlich wichtig war, und daraus hat sich das weitere entwickelt. Es waren immer konkrete Aufgaben, die mich motiviert haben, nicht abstraktes Karrierestreben!“
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Das aus diesem intuitiven Vorgehen eine erstaunliche Karriere im Kunstbetrieb werden würde, war nicht vorhersehbar. Nach dem Studium der Literatur- und Geschichtswissenschaften war sie vier Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bielefeld beschäftigt. Hier waren ihre Schwerpunkte experimentelle Literatur, Neue Poesie, Expressionismus und die Avantgarden des 20. Jahrhunderts. Schon früh hat Christiane Heuwinkel ihre Leidenschaft für den Film entdeckt und während des Studiums mit Studienfreunden einen Verleih für experimentelle Kurzfilme gegründet.

Seit 2000 ist sie mehrmals Jurymitglied bei den Internationalen Kurzfilmtagen des Landes Nordrhein-Westfalen in Oberhausen gewesen. Von 2001 bis 2015 war sie Vorsitzende der Friedrich Wilhelm Murnau-Gesellschaft Bielefeld, der sie nach wie vor als Vorstandsmitglied angehört. Murnau ist für Christiane Heuwinkel bis heute der Regisseur mit der größten visuellen Kraft und Vielseitigkeit. „Er hat mit „Nosferatu“ das Genre des Horrorfilms begründet und mit „Der letzte Mann“ ein eindringliches Sozialdrama geschaffen. Filmästhetisch ist sein Werk bis heute unerreicht und deshalb von zeitgenössischen Regisseuren hochgeschätzt.“ 2015 erhielt sie für dieses Engagement und für ihren Einsatz beim Film+MusikFest den Kulturpreis der Stadt Bielefeld.

Christiane Heuwinkel ist der Wechsel von Bielefeld, der Stadt ihrer Wahl, zum Kunstmuseum Wolfsburg nicht nur leichtgefallen, aber die neue Herausforderung hat die gut vernetzte Kunstvermittlerin gereizt: „Im Gegensatz zur Bielefelder Kunsthalle mit einem großen bürgerlichen Stammpublikum hat das Kunstmuseum Wolfsburg ein weniger gewachsenes , eher überregionales Publikum und benötigt ganz andere Strategien, um Wahrnehmbarkeit zu erzeugen. Mit jeder Ausstellung muss man von neuem beginnen und das Publikum neu gewinnen.“

Der Wechsel der 59-Jährigen zurück nach Bielefeld hat sich durch eine glückliche Fügung ergeben. Eine Begegnung mit dem Kunstsammler Hermann-Josef Bunte führte zur Bekanntschaft mit dem Stifter des Kunstforums Ortwin Goldbeck: „Die Chance, ein neu gegründetes Ausstellungshaus an einem so prominenten Ort in der Stadt zu entwickeln, erhält man nur einmal im Leben.“ Aktuell ist Christiane Heuwinkel dabei, ein neues Ausstellungsprogramm zu entwickeln und ausgehend von der Klassischen Moderne, mit Stenner als Identifikationsfigur für die Stadt, bis zur aktuellen Kunst neue Wege für das Kunstforum Hermann Stenner zu erkunden.

Ein Museum ist für sie ein Marktplatz der Ideen im Austausch mit den Besucherinnen und Besuchern. „Das Museum bietet ideale Möglichkeiten für Diskussionen zu neuen Themen. Die Auseinandersetzung mit Künstlerinnen und Künstlern und ihren Werken, deren Haltungen widersprüchlich und komplex sind, erhöht die Bereitschaft Widersprüche auszuhalten, nicht nur einfache Lösungen zu erwarten und stattdessen komplex zu denken.“

Besonders spannend ist es für sie, mögliche Synergien des Kunstdreiecks mit dem Kunsthallenpark als verbindendem Element zu erschließen und in Kommunikation mit den Leitungskolleginnen der Kunsthalle und des Kunstvereins weiterzuentwickeln.

Die Situation von Frauen im aktuellen Kunstbetrieb sieht Christiane Heuwinkel sehr differenziert. Sie ist überzeugt, dass sich in den letzten 40 Jahren sehr viel verändert hat, auch wenn noch nicht von absoluter Gleichberechtigung gesprochen werden kann. Aber heute werden weiblich konnotierte Themen mit der ihnen zustehenden Bedeutung wahrgenommen. Als Beleg führt sie an, dass Künstlerinnen wiederentdeckt werden, die man vorher nicht wahrgenommen hat. Dazu gehört die schwedische Malerin ´Hilma af Klimt`. Sie ist eine Pionierin der abstrakten Malerei und gilt als eine der hervorragenden Malerinnen des frühen 20. Jahrhunderts. Auch im Kunstbetrieb sind die Karrierechancen für Frauen gestiegen, aktuell sind bei der Neubesetzung von Kunstvereinen und Museen viele gut ausgebildete Frauen als Direktorinnen zu finden.

Aktuelle Ausstellung im Kunstforum Stenner:  Josef Schulz Specktrum

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