Stühmeyer – Halfar, Kathrin: HALFAR SYSTEM GmbH

Portrait:

Kathrin Stühmeyer-Halfar ist überzeugt, dass weiblicher Perfektionismus Frauenkarrieren behindert und setzt sich für mehr Frauen in Leitungsfunktionen ein.  Sie hat gemeinsam mit ihrem Mann Armin Halfar die Bielefelder Taschenschmiede Halfar System zu einer starken Marke für Spezial- und Werbetaschen aufgebaut. Halfar System GmbH fertigt Spezialtaschen für technische Zwecke sowie Taschen und Rucksäcke als Werbeartikel, die wahlweise als Lagerware oder als individuelle Sonderanfertigung angeboten werden. Heute ist sie Geschäftsführerin und Mitgesellschafterin der 1996 eingetragenen GmbH, die 125 Mitarbeitende (davon 67% Frauen) in Bielefeld beschäftigt.

Kathrin Stühmeyer-Halfar wollte immer beruflich Wirtschaft mit Sprachen und Reisen kombinieren und hat Tourismuswirtschaft studiert. Aber es kam anders: Ihr Mann hat sehr erfolgreich Taschen produziert und sie hat ihm geholfen, das Unternehmen Halfar aufzubauen. 

Schon als Jugendliche hat sie an der Verantwortung im landwirtschaftlichen Betrieb der früh verwitweten Mutter teilgehabt.  „Ich habe mir immer alles zugetraut und vieles selbstständig entschieden.“

Die Mutter zweier Söhne im Alter von 16 und 13 Jahren setzt sich persönlich dafür ein, dass Frauen im Unternehmen mit ihrem Einsatz und ihren Leistungen wirklich „gesehen“ und möglichst um die 50% der Leitungsfunktionen mit ihnen besetzt werden. „Ich will keinen Automatismus, dass die Männer vorgesetzt sind und die Frauen zuarbeiten.“ Halfar bietet ganz individuelle Lösungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie und reagiert z.B. sehr flexibel auf familienbedingte Ausfallzeiten. „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wissen das – es besteht Vertrauen auf beiden Seiten.“

Aus ihren Erfahrungen zieht sie eine logische Konsequenz: Frauen dürfen nicht mit der Karriere warten, bis sie perfekt sind und alles wissen. Gleichzeitig ist sie überzeugt, dass Frauen niemals wegen des Berufs auf Kinder verzichten sollten: „Irgendwie geht es immer“.

Kathrin Stühmeyer-Halfar im Gespräch mit Vera Wiehe zu den Themen Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Karrierechancen für Frauen.

Sie haben erst 2017 den Doppelnamen Stühmeyer-Halfar angenommen. Wie kam es dazu?

Bei der Eheschließung vor 20 Jahren wollte ich meinen Namen behalten und die Geschäftsführerin Kathrin Stühmeyer sein. Ich wollte ´ich selbst` bleiben und nicht durch den Unternehmensnamen als Ehefrau, Tochter oder Schwiegertochter kategorisiert werden. In den Anfangsjahren funktionierte das gut, aber mit steigendem Bekanntheitsgrad des Unternehmens Halfar System war der Effekt ein anderer. Bei offiziellen Anlässen wurde mein Mann durchaus mit Namen begrüßt, während ich einige Male lediglich als seine Begleitung gesehen wurde. Es wurde schwierig, meine Rolle im Unternehmen nach außen zu transportieren. Darüber hinaus gab es Situationen mit den Kindern, in denen ein gemeinsamer Familienname hilfreich war. Jetzt trage ich beide Namen und höre auf alle Varianten, im Grunde ist es mir nicht mehr wichtig.

 Wo steht Ihr Unternehmen in fünf Jahren?

Ich hoffe, dass wir in einem Jahr die Corona-Krise gut überstanden haben. Ich sehe uns in vier bis fünf Jahren gestärkt und internationaler aufgestellt mit den Werbetaschen sowie größer und professioneller mit den technischen Taschen. Das Thema Nachhaltigkeit, das uns schon immer begleitet hat, steht noch mehr im Fokus. Wir differenzieren schon jetzt nicht mehr zwischen Werbetaschen und einzelhandelstauglichen Taschen.  Wir verstehen uns längst als Markenanbieter in unserem Segment. Das Ziel ist, dass ein Halfar-Werberucksack in seinem Wert wahrgenommen und selbstverständlich in den Alltag integriert wird. Die Werbebranche kann sich keine Parallelwelt leisten bezüglich der Produktqualität und der Nachhaltigkeit.

Was gehört noch zum Nachhaltigkeitskonzept Ihres Unternehmens?

Eingestiegen sind wir vor etwa 20 Jahren mit der Umweltthematik, das CSR Thema folgte.
Wir sind zertifiziert nach DIN ISO 14001 und haben das Zertifikat ÖKOPROFIT mit regelmäßiger Re-Zertifizierung. Wir haben unser Unternehmen energieeffizient konzipiert.  Die Gebäude sind ausgestattet mit CO2-neutraler Beheizung und weitreichender Stromversorgung per Photovoltaik. Besonders innovativ sind wir beim Thema Insektenschutz. Wir kooperieren mit dem Unternehmen Insect Respect und haben besonders Insektenfreundliche Flächen rund um unser Unternehmen geschaffen mit geeigneter Bepflanzung und wechselfeuchten Bodensenken, Rückzugsräumen für die Überwinterung, frostfreien Zonen für Larven und allem was es braucht. Das ist das Steckenpferd meines Mannes.

Im Bereich Corporate Social Responsibility sind wir seit 2009 amfori BSCI Mitglied. Wir prüfen die Einhaltung der ILO-Kernarbeitsnormen an allen internationalen Produktionsstandorten. Wir sorgen für Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen hier in Deutschland und kooperieren mit Integrationsunternehmen sowie Bildungsträgern und Schulen.
2016 erhielten wir die Bielefelder Auszeichnung, „Ausgezeichnet Familienfreundlich“, 2018 den CSR-Preis OWL. Wir waren Gewinner bei den PSI-Sustainability Awards in den Jahren 2015, 2017, 2018, 2019 und konnten kürzlich, im Januar 2021, zu unserer großen Freude den jüngsten Gesamtsieg dieses Branchenpreises erringen. Außerdem haben wir in 2020 den Sustainability Heroes Award in der Kategorie Diversität erhalten.

Was sind Ihre Erfolgseigenschaften?

Ich denke zunächst einmal Neugier und Interesse an allen neuen Entwicklungen, von der Qualität der Waren über Dienstleistungsbedarfe bis hin zur Personalentwicklung. Vor allen Dingen ist es mein Bestreben, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu finden, die fachlich gut sind, aber die vor allem ins Unternehmen passen, die ihre Arbeit lieben, beherrschen, authentisch sind und gerne zu uns kommen. Sicht vorbehaltlos und selbstverständlich auf etwas einzulassen, das ist der Schlüssel zum Erfolg.

Wie finden Sie die zu ihrem Unternehmen passenden Mitarbeitenden?

In der Regel merkt man schon im Bewerbungsgespräch, ob jemand in das Unternehmen passt. Trotz der aktuell erfolgreich online geführten Termine: Ich bin eine große Verfechterin persönlicher Bewerbungsgespräche mit Bewerbern und Bewerberinnen der engsten Wahl. Manche Bewerberinnen und Bewerber können sich so richtig für Produkte, Unternehmenswerte und die Atmosphäre begeistern – das ist toll zu sehen. Das Gleiche gilt für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen! Ich versuche, unsere Teams gemischt in Bezug auf Alter, Geschlecht und Herkunft zusammenzusetzen und achte darauf, dass gemeinsame Werte geteilt werden. Wenn jemand in erster Linie bestrebt ist, möglichst schnell eine nach außen sichtbare Karriere zu machen oder ausschließlich davon getrieben ist, schnell Geld zu verdienen, dann ist das bei allem Verständnis schwer mit anderen Werten zu kombinieren. Bei diesen Personen würde Energie für die lösungs- und kundenorientierte Arbeit fehlen, die ein Schlüssel zum Unternehmenserfolg ist.

Hat Corona auch in Ihrem Unternehmen einen Digitalisierungsschub ausgelöst? 

Auf jeden Fall in der Kommunikation, intern wie extern! Anfang 2020 hätte ich niemals gedacht, wie viele Onlinetermine ich schon ein Jahr später wahrnehmen würde. Mit unseren Kunden funktioniert die digitale Kommunikation sehr gut, viele Fragestellungen lassen sich digital lösen. Bei neuen Projekten ist es schwieriger per Videokonferenz als gemeinsam vor dem Muster einer Tasche zu sitzen – aber auch lösbar.
Wir betreiben seit 2019 einen E-Commerce- Shop für unsere Business-Kunden, der sehr gut angenommen wird.   Home Office wie auch unorthodoxe Arbeitszeiten auf Seiten der Kunden sind dadurch kein Problem. Stark von Corona getroffen sind alle Kunden, die vom Zusammenkommen von Menschen leben; z.B. Messe- und Kongressveranstalter, ebenso Reiseveranstalter. Virtuelle Messen sind nur ein bedingter Ersatz und benötigen keine Taschen für Kataloge, da spüren wir deutlich eine Nachfrageveränderung.

Im Herbst 2020 haben wir die erste komplett digitale Messe mit kooperierenden Unternehmen durchgeführt, die gut angenommen wurde. Insgesamt sind wir schlagartig besser und schneller mit dem Erstellen von Produktvideos geworden – die Mitarbeiter hatten nach kurzer Zeit einen richtigen „Lauf“ mit tollen Ergebnissen. Für die Neuheiten 2021 halten wir digitale Präsentationen, auch exklusiv und live, für ausgewählte Kunden ab.  Alle haben viel dazu gelernt. Dennoch freuen wir uns umso mehr auf Zeiten, in denen echte Begegnungen wieder möglich sind.

Die Digitalisierung war bei uns so weit vorangeschritten, dass wir die Corona-bedingten Anforderungen für unsere eigenen Arbeitsabläufe leicht lösen konnten. Wir haben schon im September Luftfilter eingerichtet sowie über das ganze Jahr Masken- und Zugangskonzepte entwickelt, so dass eine bestimmte Anzahl von Mitarbeitenden auch weiterhin ins Büro kommen kann. Wir bilden spezifische Gruppen, tragen Masken auf Laufwegen, entzerren die Kantinennutzung und so weiter. Damit kommen wir gut zurecht.

Haben Sie ein Lebensmotto, was zeichnet Sie aus? 

Mir ist es wichtig, dass man sich selbst treu bleibt, auch in krisenhaften Situationen wie der aktuellen Corona-Krise. Ich bin auch der Meinung, dass manche Entscheidungen, die man fällt, nicht als richtig oder falsch bewertet werden können. Sie führen lediglich zu einem bestimmten Weg.  Natürlich bleibt „1+1=2“, und dann gibt es auch ein „richtig“ oder „falsch“.  Aber bei vielen Fragestellungen gibt es kein Scheitern, sondern höchstens Lernwege.

Selbst aus diesem Corona Jahr kann man positive Erfahrungen ziehen: Es gibt auch positive Auswirkungen wie neue Verhaltensoptionen, das finde ich sehr interessant. Wir waren alle gezwungen uns mit digitalen Kommunikationsformen auseinander zu setzen. Entscheidungen werden bewusster gefällt: „muss ich die Reise wirklich machen, muss ich die Autofahrt wirklich machen?“ Die Menschen haben auch viel Neues entdeckt an sich, an ihrer Familie, an ihrer unmittelbaren Umgebung, an Reisezielen oder auch an Verzicht. Das hat viele verunsichert und ist wirtschaftlich in Teilen ein großes Problem. Aber es hat auch gezeigt, dass nicht jeder Verzicht dramatisch ist.

Welche Bedeutung haben Netzwerke für Sie?

Ich bin Mitglied im Industrie- und Handelsclub und bei den Familienunternehmern, um berufliche Interessen zu nennen. Unser Unternehmen ist bei ´Das Kommt aus Bielefeld` (DKAB) und im Marketing Club engagiert. Wir sind mit unseren Schwesterfirmen aus der Unternehmensgruppe stark verbunden. Insgesamt sind wir menschlich und unternehmerisch gut vernetzt.

Netzwerke basieren immer auf dem Engagement der beteiligten Menschen. Und Netzwerken hat für mich keinen Selbstzweck. Der Hintergrund des Netzwerkens muss den Beteiligten wichtig sein, dann funktioniert es gut. Man muss sich treu bleiben und verbindlich sein. Ein wertschätzender und vernünftiger Umgang auch im Konfliktfall mit Geschäftspartnern, Mitarbeitenden, Lieferanten oder Kunden ist unerlässlich.

Das zeitlich größte Engagement in der Freizeit habe ich letztlich bei der Bielefelder Bürgerstiftung; nicht im Sinne eines Netzwerks für mich, sondern als Ehrenamt. Es ist toll, dort viele engagierte Menschen im Ehrenamt zu beobachten, und wahrzunehmen, welche Freude es bereitet.

Haben Sie den Eindruck, dass das Thema Gleichstellung der Geschlechter in der Wirtschaft auf einem guten Weg ist?

Eine leichte Verbesserung zeichnet sich ab. Man merkt, dass seit Jahren viele sehr gut ausgebildete junge Leute in den Arbeitsmarkt kommen. Mittlerweile sind selbstbewusste junge Frauen zur Selbstverständlichkeit geworden, auch im Umfeld oder sogar in der Nachfolge sehr traditionsbewusster männlicher Entscheidungsträger. Es müsste mittlerweile allen klar sein, dass man nicht mehr ganze Leitungsgruppen mit Männern besetzen kann. Das sieht inzwischen geradezu befremdlich aus:  Vor 20 Jahren war es normal, bei vielen Meetings eine von wenigen Frauen zu sein; heute fällt es mir als Rückschritt auf, wenn ich (noch oder wieder) eine von wenigen Frauen bei beruflichen Veranstaltungen bin. Das Bild ist zum Glück gemischter geworden. Ich glaube, dass die hohe Präsenz von Frauen in der Politik, ob als Kanzlerin oder Ministerpräsidentin, ein verändertes gesellschaftliche Bewusstsein bewirkt und dass Frauen in Führungspositionen auch in der Wirtschaft als Selbstverständlichkeit angesehen werden können. Aber es geht langsam voran. Ich halte die neue Quotenregelung für richtig, weil es in den Top-Positionen der Wirtschaft vermutlich noch auf Jahre nicht anders funktionieren wird.             

In Bezug auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf haben wir in den letzten Jahren einen enormen Entwicklungsschub erlebt. Immer mehr Väter wollen in Elternzeit gehen. Und es ist heute möglich, dass Frauen in Teilzeit eine Führungsposition innehaben. Das finde ich gut – siehe oben beim Thema Kinder, „irgendwie geht es immer“ – und hat auch mit der zunehmenden Digitalisierung zu tun: man kann sich informiert halten und bleibt vor allem sichtbar und präsent, wenn man zeitweise im Home Office ist. Die Digitalisierung spielt losgelöst von den aktuellen, negativen Mehrfachbelastungen durch „Corona“ meiner Meinung nach den Frauen grundsätzlich in die Hände. Natürlich geht es nicht ohne angemessene persönliche Präsenz, aber für bestimmte Phasen oder auch dauerhaft flankierend vergrößert die Digitalisierung den beruflichen Spielraum für alle Berufstätigen: inhaltlich, räumlich und zeitlich.   

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