Anke Unger, Regionsgeschäftsführerin Geschäftsstelle Bielefeld, Deutscher Gewerkschaftsbund

„Von allein passiert nichts!“

„Systemrelevant“, dieser vielzitierte Begriff ist für Anke Unger das Unwort des Jahres. „Die sogenannten systemrelevanten Dienstleistungen, die wir in Corona-Zeiten benötigen, werden überproportional von Frauen erbracht. Dafür werden diese beklatscht und mit Schokolade beschenkt. Übersehen wird dabei, dass es sich häufig um schlecht bezahlte Arbeitsplätze mit krank machenden Arbeitsbedingungen und geringer gesellschaftlicher Anerkennung handelt.“

Anke Unger ist seit Ende 2017 Regionsgeschäftsführerin der Geschäftsstelle Bielefeld des deutschen Gewerkschaftsbundes. Die 39-jährige Politikwissenschaftlerin ist in den klassischen Arbeiterjugendverbänden groß geworden. Sie war Jugendbildungsreferentin der DGB-Region Ostwestfalen, Leiterin der Abteilung Jugend im DGB-Bezirk NRW und Organisationssekretärin der DGB-Region Ostwestfalen-Lippe.

Damit die Arbeitswelt gerechter wird, setzt sie sich insbesondere ein für faire und gerechte Arbeitsbedingungen in der digitalen Arbeitswelt, die Aufwertung der Pflege- und Sozialberufe, die Abschaffung von Minijobs und die Vereinbarkeit von Familie/Privatleben und Beruf. Die Aufwertung der Sozial- und Pflegeberufe liegt ihr besonders am Herzen. Das Problem der Pflege sind die krankmachenden Arbeitsbedingungen, denn die Personalbemessungsgrundlagen wurden so reduziert, dass immer weniger Personal für immer mehr Aufgaben zuständig ist. Hier haben die Gewerkschaften die wichtige Aufgabe, die Pflegekräfte zu unterstützen, mit den Tarifpartnern zu verhandeln und die Politik zu beeinflussen. 

Die sogenannte Corona-Krise wirft wie ein Brennglas das Licht auf ein altes Problem, nämlich die spezifische Situation von Frauen am Arbeitsmarkt. Das Virus trifft nicht alle gleich. Viele systemrelevante Berufe sind frauendominierte Berufe, sie werden als systemrelevant beschrieben, werden aber nicht entsprechend bezahlt und anerkannt. „Das sehen wir nicht nur in der Pflege, Frauen sitzen an der Kasse mit improvisiertem Spuckschuss, reinigen unter erschwerten Bedingungen öffentliche Räume oder müssen im Homeoffice zugleich die Kinder beschulen, während die Corona-Debatte z.B. über Schul- und Kitaschließungen meist von Männern geführt wird.“

Deshalb fordert sie, dass mehr Expertinnen in der öffentlichen Wahrnehmung zum Tragen kommen. Anke Unger will eine gesellschaftliche Debatte über die sozialen Unterschiede und die damit verbundenen Ungerechtigkeiten führen. Sie wehrt sich gegen die Individualisierung der Probleme. Gemeinsam für eine Sache streiten, das ist der zweifachen Mutter wichtig „unabhängig davon, woher man kommt und wohin man will, ob jung oder alt, Mann oder Frau.“ Die Strategie der Gewerkschaft ist es, immer wieder drüber zu reden und das Thema am Kochen zu halten. Das ist nicht immer einfach, denn in vielen Runden ist sie die einzige Frau und die einzige, die die soziale Frage einbringt. Zufrieden ist die engagierte und ehrgeizige Gewerkschafterin deshalb nur bedingt, denn „mehr geht immer!“

Anke Ungers Tipp für Frauen, die Karriere machen wollen lautet: „Immer an sich selbst glauben und sich mit anderen Frauen solidarisieren. Viele Frauen glauben, alles allein schaffen zu müssen.“ Manchmal ertappt sie sich selbst dabei. „Wenn frau das Gefühl hat zu scheitern, liegt es meist daran, dass keine Unterstützung eingeholt wird.“

Deutscher Gewerkschaftsbund – Projekt: „Was verdient die Frau“:
Hier findet frau alle möglichen Infos, Fakten, Tipps und Tricks  über Chancen und Risiken für (junge) Frauen auf dem Arbeitsmarkt, damit Frauen langfristig und nachhaltig finanziell auf eigenen Beinen stehen können.
https://www.was-verdient-die-frau.de/

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