Gründerin: Marie Pischel, Schriftstudio

„2020 hat mich zurück an den Anfang gebracht. Finanziell, strukturell und persönlich.
Und das ist gut so.“

Immer wenn es etwas sehr Besonderes sein soll, ist Marie Pischel gefragt. Ihre Kunden*innen finden sie, denn ihr Spezialgebiet wird in Bielefeld und Umgebung in dieser professionellen Ausrichtung nur durch sie abgedeckt. In ihrem vor einem Jahr gegründeten „Schriftstudio“ bietet sie handgemachte Schriften in analogen oder digitalen Formen.

Die 27-Jährige kreiert für ihre Kunden*innen alles, was gewünscht wird. Für den privaten Bereich erstellt sie individualisierte Objekte oder Papeterie. Es entstehen Spruchbilder, Gutscheinkarten für besondere Anlässe oder klassische Schildermalerei. Im gewerblichen Bereich schafft sie Einladungen für Events, Jubiläen, Kollektionspräsentationen mit persönlicher Note. Besteht der Anspruch Kuverts von Hand zu beschriften, um eine besondere Stimmung zu vermitteln, versieht sie schon mal 800 Kuverts mit Adressen. Schrift ist nach ihrer Auffassung ein Träger von Emotionen, die Umsetzung bei großen Stückzahlen ein meditativer Akt.

„Meine Handschrift ist schrecklich, was ich anbiete, kann zwar anmuten wie Handschrift, hat aber mit Handschrift nichts zu tun.“  Auf physischer Ebene wird ein Muskelgedächtnis entwickelt, sie denkt sich in die Schriften herein, experimentiert und erarbeitet sich die notwendigen Bewegungsabläufe, die sie benötigt, um ein bestimmtes Schriftbild zu erzeugen.

Diese Fähigkeiten hat sie sich autodidaktisch erarbeitet. Durch ihr Studium im Bereich Grafik- und Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt auf Typografie & Lettering konnte sie ein fundiertes Grundwissen aufbauen.  Einschneidend war für sie ein Pflichtkurs Typografie, in dem sehr unkonventionell gearbeitet wurde. Wochenlang musste sie Striche auf Papiere ziehen, um den Rhythmus von weißen und schwarzen Bestandteilen zu begreifen, das hat sie gepackt: „Da bin ich hängen geblieben“. Sie stellt eine eine Vielfalt an Schriften zur Auswahl und entwirft zusätzlich Schriften nach Wunsch oder rekonstruiert alte Schriftmuster.
Einer ihrer liebsten Bereiche ist auch konzeptionelles Logodesign.

Auch die Weitergabe ihres Handwerks ist ihr wichtig, sie bietet Workshops rund um Lettering, Kalligrafie und Schreiben, aktuell ausschließlich online. „Handschriftliches Schreiben macht viel mit Körper und Geist, es sortiert Gedanken und schafft eine gute Verbindung mit uns selbst. Menschen lassen das Schreiben nicht freiwillig links liegen. In der Regel haben sie schlechte Erfahrungen in ihrer Lernhistorie gemacht.“  Erwachsene wie Kinder lieben nach ihrer Erfahrung freies, experimentelles Arbeiten mit Schrift, haben aber im beruflichen und schulischen Kontext selten dafür Raum gefunden.

Mit dem Wegfallen von Events aufgrund der „Corona-Krise“ brachen schlagartig 75 Prozent des Auftragsvolumens weg und sie musste ihre Strukturen über den Haufen werfen. Dennoch hat ihr dieses Jahr viel Gutes gebracht. Sie hat die Zeit genutzt, um ihren Weg kritisch zu reflektieren und sich neu auszurichten. Ein Ergebnis ist ihre aktuelle Ausstellung: Und wer flickt diesen Himmel jetzt wieder? Prozessbilder aus einem Heilungsprozess I. Es entstanden 15 Werke ohne vorherigen Plan, alleinig im Prozess; erst malerisch, dann ergänzt durch kalligrafierte Gedankentexte. Zu Technik und Handwerk ist die Kunst hinzugekommen. „Damit kann ich jetzt gut leben.“

Marie Pischel ist es wichtig, sich mit Kontexten auseinander zu setzen. Sie arbeitet gerne an emotional schwierigen oder tabuisierten Themen, wie zum Beispiel Trauer. So hat sie Weihnachtsgrußkarten für Trauernde erstellt. „Ich habe verbal und emotional einen Raum für dieses Thema geschaffen. Ich muss nicht mit Trends gehen, kann mein Handwerk und meinen Charakter zusammenbringen und die Themen bearbeiten, für die ich mich gerne einsetze.“  Sie fühlt sich erfolgreich, wenn sie etwas schafft, das einen größeren Wirkkreis hat als die eigentliche Sache bietet.

Ihr Tipp an andere Gründerinnen ist es, sich an keine generalisierten Tipps zuhalten. „Wichtig ist es, erst mal genau hinzusehen und in sich selbst reinzuhören, anstatt sich an Tipps und Tricks abzuarbeiten. Offen bleiben für die Persönlichkeit, die man mitbringt. Gerade wenn man das Gefühl hat, nicht klassisch zu gründen, sollte der Charakter mit in die Gründung gebracht und mehr Fokus auf Alleinstellung gesetzt werden.“

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